Die Nische finden, ohne sich einzuengen: Positionierung für vielseitige Therapeutinnen und Coaches

Du hast eine fundierte Ausbildung abgeschlossen. Und dann noch eine. Vielleicht bist du Heilpraktikerin für Psychotherapie, hast eine Weiterbildung in systemischer Beratung gemacht, kennst dich mit Entspannungsverfahren aus und hast dich intensiv mit Trauma-Arbeit beschäftigt. Du hast einen prall gefüllten Werkzeugkoffer und möchtest Menschen auf vielfältige Weise unterstützen.
Doch wenn es darum geht, mit deiner Selbstständigkeit sichtbar zu werden, hörst du von allen Seiten denselben Ratschlag: „Du musst deine Nische finden! Du musst dich spitz positionieren!“
Bei diesem Gedanken zieht sich in dir alles zusammen. Du möchtest dich nicht auf ein einziges Thema festlegen. Du willst nicht nur „die Expertin für Burnout“ oder „der Coach für berufliche Neuorientierung“ sein. Du hast das Gefühl, wenn du dich für eine Nische entscheidest, musst du wertvolle Teile von dir und deinem Wissen abschneiden.
Dieser Artikel ist für dich, wenn du aus einem helfenden, beratenden oder therapeutischen Beruf kommst und den Wunsch hast, ortsunabhängig zu arbeiten – aber feststeckst, weil du dich nicht einengen lassen willst. Wir schauen uns an, wie du eine klare Botschaft findest, die Menschen anzieht, ohne dass du deine Vielseitigkeit aufgeben musst.

Warum der Gedanke an eine Nische oft Unbehagen auslöst

Viele Frauen in beratenden Berufen sind sogenannte Scanner-Persönlichkeiten oder einfach sehr vielseitig interessiert. Sie sehen die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele und wissen, dass Probleme selten isoliert betrachtet werden können.
Der Gedanke an eine Nische fühlt sich an wie ein Korsett. Es entsteht die Sorge: „Wenn ich mich nur auf ein Thema fokussiere, wird mir schnell langweilig.“ Oder: „Dann schließe ich so viele Menschen aus, denen ich eigentlich helfen könnte.“ Diese innere Zurückhaltung ist völlig normal und verständlich. Sie entspringt dem ehrlichen Wunsch, ganzheitlich zu arbeiten.

Der Mythos vom „Bauchladen“: Warum Vielseitigkeit im Marketing schwer vermittelbar ist

Das Problem entsteht, wenn wir unsere ganzheitliche Arbeitsweise eins zu eins in unser Marketing übertragen. Wenn auf deiner Website steht: „Ich biete systemisches Coaching, Gesprächstherapie, Entspannungskurse und Ernährungsberatung an“, dann zeigst du zwar all deine Kompetenzen, aber du sprichst niemanden direkt an.
Stell dir vor, jemand sucht nachts um drei Uhr verzweifelt nach Hilfe, weil die Gedanken kreisen und die Erschöpfung überhandnimmt. Diese Person sucht nicht nach „systemischem Coaching“. Sie sucht nach jemandem, der versteht, wie sich diese tiefe Erschöpfung anfühlt, und der einen Ausweg bietet.
Ein zu breites Angebot – der klassische Bauchladen – zwingt deine potenziellen Klientinnen dazu, selbst herauszufinden, ob du die Richtige für ihr spezifisches Problem bist. Und diese Transferleistung erbringen die wenigsten. Sie buchen lieber bei der Person, die klar sagt: „Ich helfe dir, aus der ständigen Erschöpfung zurück in deine Kraft zu finden.“

Die Nische ist dein Schaufenster, nicht dein ganzes Geschäft

Hier ist der wichtigste Perspektivwechsel, der dir die Angst vor der Positionierung nehmen wird: Deine Nische ist nur dein Schaufenster. Sie ist nicht dein gesamtes Geschäft.
Das Schaufenster dient dazu, die Aufmerksamkeit der Menschen zu wecken, die draußen vorbeigehen. Es zeigt ein klares, ansprechendes Bild, das ein bestimmtes Bedürfnis anspricht. Wenn die Menschen dann den Laden betreten – also in die Zusammenarbeit mit dir kommen –, steht ihnen dein gesamtes Sortiment zur Verfügung.
Du darfst in den Sitzungen all deine Methoden, all deine Ausbildungen und deine gesamte Vielseitigkeit einsetzen. Die Nische dient lediglich dazu, den ersten Kontakt herzustellen und Vertrauen aufzubauen. Du schneidest nichts von dir ab; du entscheidest nur, was du nach vorne stellst, um gefunden zu werden.

Was du nach diesem Artikel weißt

Warum eine klare Positionierung nichts mit Einschränkung zu tun hat.
Wie du deine Vielseitigkeit in der Arbeit mit Klientinnen voll auslebst, während dein Marketing fokussiert bleibt.
Welche konkreten Schritte du gehen kannst, um eine Botschaft zu formulieren, die genau die Menschen anzieht, mit denen du am liebsten arbeitest.

So gehst du diese Woche vor: In 6 Schritten zu deiner klaren Botschaft

Um aus der Überforderung in die Umsetzung zu kommen, kannst du diese Woche folgende Schritte gehen:
1.Reflektiere deine Lieblingsklientinnen: Denke an die Menschen, mit denen die Arbeit bisher am meisten Freude gemacht hat (auch in der Ausbildung oder im Angestelltenverhältnis). Was hatten diese Menschen gemeinsam? In welcher Lebenssituation befanden sie sich?
2.Identifiziere das Kernproblem: Welches konkrete Problem haben diese Menschen, bevor sie zu dir kommen? Formuliere es in ihren eigenen Worten, nicht in Fachsprache. (Statt „mangelnde Resilienz“ eher „das Gefühl, dem Alltag nicht mehr gewachsen zu sein“).
3.Definiere das gewünschte Ergebnis: Wie fühlen sich diese Menschen, nachdem sie mit dir gearbeitet haben? Was hat sich in ihrem Leben konkret verändert?
4.Wähle dein Schaufenster-Thema: Entscheide dich für ein Kernproblem und ein Ergebnis, das du in den Mittelpunkt deiner Kommunikation stellst. Erinnere dich: Das ist nur der Einstieg, nicht das Ende.
5.Formuliere deinen Positionierungssatz: Nutze eine einfache Struktur: „Ich unterstütze [Zielgruppe] dabei, [Kernproblem] zu lösen, damit sie [gewünschtes Ergebnis] erreichen.“
6.Prüfe auf Resonanz: Sprich diesen Satz laut aus. Fühlt er sich stimmig an? Gibt er dir eine klare Richtung für deine Website-Texte und deine Sichtbarkeit?

Typische Stolperfallen auf dem Weg zur eigenen Positionierung

Auf dem Weg in die ortsunabhängige Selbstständigkeit begegnen dir oft innere und äußere Hürden. Hier sind die häufigsten im Bereich der Positionierung:
Die Angst, sich falsch zu entscheiden: Viele zögern monatelang, weil sie fürchten, die „falsche“ Nische zu wählen. Die Wahrheit ist: Eine Positionierung ist nicht in Stein gemeißelt. Sie darf sich mit dir weiterentwickeln. Es ist besser, mit einer klaren (wenn auch nicht perfekten) Botschaft zu starten, als aus Angst vor Fehlern unsichtbar zu bleiben.
Methoden statt Lösungen verkaufen: Ein klassischer Fehler ist es, die eigenen Ausbildungen in den Vordergrund zu stellen. Klientinnen kaufen aber keine Methoden (wie EMDR oder NLP), sie kaufen die Lösung für ihr Problem. Übersetze deine Methoden immer in den konkreten Nutzen für die Klientin.
Technikfrust als Ausrede nutzen: Oft schieben wir technische Hürden (die Website ist noch nicht fertig, Instagram ist zu kompliziert) vor, um uns nicht mit der eigentlichen Frage der Positionierung auseinandersetzen zu müssen. Kläre zuerst deine Botschaft, die Technik folgt danach.

Deine Vielseitigkeit ist deine größte Stärke

Lass dir nicht einreden, dass deine vielen Interessen und Ausbildungen ein Nachteil sind. Im Gegenteil: Sie befähigen dich, Menschen in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen und individuell zu begleiten.
Der Mut besteht darin, im Außen klar und fokussiert aufzutreten, um im Innen – in der eigentlichen Arbeit – den Raum für all deine Facetten zu öffnen. Wenn du diesen Schritt gehst, wirst du merken, wie viel leichter es wird, über deine Arbeit zu sprechen und genau die Menschen anzuziehen, die deine ganzheitliche Begleitung schätzen.

Häufige Fragen (Mini-FAQ)

Muss ich mich für immer auf eine Nische festlegen?

Nein. Deine Positionierung ist eine Momentaufnahme. Sie gibt dir jetzt Struktur und Fokus. Wenn du dich weiterentwickelst, darf sich auch deine Nische verändern.

Schließe ich durch eine Nische nicht potenzielle Klientinnen aus?

Du schließt diejenigen aus, die ohnehin nicht optimal zu dir passen. Dafür ziehst du die Menschen, denen du wirklich helfen kannst, viel stärker an. Wer für alle da sein will, wird oft von niemandem richtig wahrgenommen.

Wie bringe ich all meine Ausbildungen auf meiner Website unter?

Du kannst deine Qualifikationen auf der „Über mich“-Seite auflisten, um Vertrauen und fachliche Fundierung zu zeigen. Auf der Startseite und bei deinen Angeboten sollte jedoch das Problem der Klientin und deine Lösung im Vordergrund stehen.

Kann ich auch zwei Zielgruppen gleichzeitig ansprechen?

Für den Start ist es deutlich einfacher und effektiver, sich auf eine Zielgruppe zu fokussieren. Wenn dein Business stabil läuft, kannst du später weitere Angebote für andere Zielgruppen ergänzen.

Wie hilft mir der AVGS bei der Positionierung?

Wenn du arbeitslos gemeldet bist, kannst du den AVGS (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein) für ein Gründungscoaching nutzen. In diesem Coaching erarbeiten wir gemeinsam deine klare Positionierung, strukturieren deinen Businessplan und bauen deine Selbstständigkeit tragfähig auf.

Lass uns gemeinsam Klarheit schaffen

Der Weg in die ortsunabhängige Selbstständigkeit erfordert Mut und klare Entscheidungen. Du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Wenn du dir Struktur, Orientierung und eine erfahrene Begleitung wünschst, um deine Vielseitigkeit in ein tragfähiges Konzept zu verwandeln, bin ich gerne an deiner Seite.
Du kannst dir über den Buchungs-Button ein kostenfreies Erstgespräch buchen

Wenn du einen AVGS hast, wird das Coaching zu 100 % von der Agentur für Arbeit übernommen.